Mehr Frauen*stimmen braucht die Welt!

Über den Osten und was ich als Politologin an Fragen in das neue Jahrzehnt mitnehme

von Anna Stiede

Als Politologin, die sich in ihrem Denken und Schaffen allein der einen offenen Welt für alle Menschen verpflichtet sieht, widmete ich mich in diesem Jahr dem spannenden Betätigungsfeld der Aufarbeitung des demokratischen Aufbruchs des Herbst 1989 in der DDR und den darauf folgenden Auf-, Zusammen-, und Umbruchserfahrungen in Ost und West.

30 Jahre nach jenem Herbst `89 ist es soweit, dass sich Menschen mit ostdeutscher Biografie mit weniger Scham, Unsicherheit oder Schuldgefühl selbstbewusster im öffentlichen Raum positionieren. Endlich kommen mit Literatur, Theater und Musik – leider zu wenig in der großen Politik – Ostler*innen mit ihren Geschichten und Sichtweisen zu Wort. Das ist auch dringend nötig, denn noch immer sind es überwiegend Menschen mit westdeutscher Biografie, die heute im Osten wie Westen in den Führungsetagen von Wissenschaft, Kunst, Verwaltung, Unternehmen und Rechtssprechung sitzen. Um zukunftsgewandte Dialoge führen zu können, braucht es Anerkennung und Bereitschaft für Verschiedenheit und politische Praxen, die den alten schwarz-weiß oder „Wessi-Ossi-Klisches“ entkommen. Die öffentliche Debatte kann sich hierbei ein Beispiel an der Diskussionskultur migrantischer Mitbewohner*innen nehmen, für die neben der Gewalt im Osten die Frage nach Ost oder West weniger zentral war, als eine Interessenpolitik in Auseinandersetzung mit den politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnissen des vereinigten Deutschlands in den 90er Jahren und Folgenden.

Als politische Bildnerin und Kommunikationstrainerin arbeite ich ständig an Übersetzungsprozessen, um Menschen zusammen und in Debatte zu bringen. Nur in sozialen Begegnungsräumen können Menschen befähigt werden, Haltung einzunehmen und Teil dieser einen Welt sein. Nämlich, indem sie mit ihren Stimmen Öffentlichkeit gemeinsam gestalten. Was der digitale Raum für die Einen möglich macht, fehlt oftmals an Kommunikationskompetenz im analogen Raum. Meine Vision ist Menschen mit meiner Arbeit zu unterstützen, analoge öffentliche Räume zu schaffen, die Geselligkeit stiften und politische Tatkraft fördern: sich auf einen Marktplatz zu stellen und eine Veränderungsidee zu diskutieren oder diese im Kreistag vorzustellen. Im ostdeutschen Hinterland ist der Aufbau einer zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit der Arbeit vieler engagierter und tatkräftiger Menschen zu verdanken, die ich in meiner Arbeit ständig erlebe. Gleichzeitig sind historisch gewachsene Barrieren, Verunsicherungen und Befürchtungen bis hin zu ganz realen Ängsten vor physischer Gewalt da, welche die politische Beteiligung erschweren oder gar verunmöglichen. Den politischen Institutionen ist es bisher nicht gelungen diese abzubauen, weshalb die Arbeit wiederum der verkümmerten Zivilgesellschaft – oft in unentlohnten privatisierten Reproduktionsverhältnissen – aufgelastet wurde und wird. Im letzten Jahresquartal 2019 wurde zahlreichen Trägern und damit langlaufenden Demokratieförderungsprojekten im ländlichen Raum die Förderungen beendet. Die mühseligste Maulwurfsarbeit der letzten 20 Jahre zum Ausbau einer solidarischen Zivilgesellschaft ist massiv gefährdet. Wer sich politisch und kulturell nicht um die Förderung der Jugend und jungen Menschen kümmert, explizit die Finanzmittel entzieht, setzt die Entfliehungswelle unserer und folgender Generationen weiter fort und schreibt die Verödung mancher Landstriche fort oder überlässt sie rassistischen und faschistischen Kräften.

Meine Vision zur Förderung der freien politischen Meinungsbildung und Betätigung vor Augen, nehme ich als Politologin aus 2019 Folgendes mit:

  • Wie kann es gelingen Menschen und besonders Frauen* und Menschen mit Migrationsgeschichte zu fördern öffentlichen politischen Raum einzunehmen?
  • In Bezug auf Ostdeutschland sind für den bundesdeutschen Kontext und im Besonderen die Politikwissenschaft die spannensten Prozesse seit langem in Aussicht. Die großen Volksparteien sind hinüber. Was sich nun in Brandenburg und Sachsen, vor allem aber in Thüringen abspielt sind wichtige politische Lernräume der Zukunft. Es wird nicht einfach werden, aber vieles ist Offen. Als Politologin gilt es den Blick jedoch nicht auf diese institutionellen Prozesse zu verengen. Für die Ausbildung einer eingreifenden politischen Zivilgesellschaft muss alles daran gesetzt werden, Menschen die politische Weiterbildung jenseits der Ausbildung und der Universitäten zu ermöglichen. Dies gilt es insbesondere im Osten zu fördern, dessen analoger öffentlicher Raum seit 30 Jahren vor allem von diesen politischen Emotionen markiert ist: Hass und Wut, die sich ständig in Gewalt manifestiert/e. Es ist daher eine der dringendsten politischen Aufgaben im Lande in den Institutionen und Apparaturen Stellen für Ostbeauftragte, die überwiegend von Frauen* besetzt werden sollten, zu schaffen. Sie sollten – nicht vollständig – doch überwiegend von Frauen* besetzt werden, da Sie* es sind, die in den letzten 30 Jahren im Osten die letzten lebendigen Reste zusammen- und aufrecht erhalten haben. Sie sind die Expert*innen mit der offenen Welt vor Augen, die endlich zu Rate gezogen werden müssen um lebendige Zivilgesellschaft zu fördern.
  • Politische Weiterbildung sollte sich für die Mittel und das Wissen der Kolleg*innen aus Kunst & Kultur öffnen. Insbesondere im Osten fehlt es oft an Sprache und Sprachfähigkeit. Wie beispielsweise für meine Generation an erzähltem Familienwissen zur Treuhand. Kunst und Kultur sind die einzigen Felder in denen das Leck verlustiger Sprache bearbeitet werden kann und in den letzten 30 Jahren bearbeitet wurde. Demokratieförderung braucht a) intergenerationellen Austausch und Aufarbeitung und b) generationeninterne Maßnahmen der Aufarbeitung. Kunst und Kultur legen Zugänge und eröffnen Begegnungsräume, die zuvor verschlossen waren. Es braucht die Förderung an Wissen diese Begegnungsräume zu gestalten und daher mehr Finanzierung der freien politischen Kunst- und Kulturszene und Zusammenarbeit, weil diese den Werkzeugkasten politischer Weiterbildung mit dem Theater als Methode erweitern.
  • Träger, Initiativen und Vereine im Osten, denen in Zukunft die Mittel für ihre politische Bildungs- und Kulturarbeit durch den AFD-Einfluss entzogen werden, sollten durch Fördermitgliedschaften an das Netzwerk-Polylux unterstützt werden.

30 Jahre nach 1989 diskutierte ich mit der West- und Hauptstadtjournalistin Elsa Koester für die Wochzenzeitung DerFreitag über den Osten.

Was Rauchen aufhören mit Leadership zu tun hat und warum wir mehr Leadership brauchen!

Ich habe einen Entschluss gefasst: ich höre auf zu rauchen. Es entspricht nicht meinen Werten von Gesundheit, Achtsamkeit, Frische und Natürlichkeit. Und ich biete ab jetzt mit meiner Kollegin Ing Holzmayer Tranings in Leadership für Leaders und Teams an: all-you-need-is-empathy.org. Was das beides miteinander zu tun hat, erfährst du jetzt.

Also: Ich höre 2020 auf zu rauchen! Auch wenn es schwierig und holprig werden wird, werde ich bei meiner Entscheidung bleiben. Ich werde dafür sorgen, dass ich dabei bleiben kann. D.h. auch, dass ich mir Unterstützung hole, wenn ich sie dafür brauche. Ich tue alles dafür, dass meine Entscheidung nicht zu rauchen ein fester und immanenter Bestandteil der nahen Zukunft wird.

Wenn meine anderen, inneren Teammitglieder mich bequatschen wollen: „och, komm, eine Zigarette, ist doch so nett“! Oder „Ein bisschen Spaß braucht man doch“ oder „Deine Gesundheit ist so robust, die kann Rauchen doch ab“, dann sorge ich dafür, dass ICH in der Führung bleibe. Ich höre zwar diese Stimmen und bin auch durchaus empathisch mit ihnen – „ah, willst du gerade Entspannung? Genuss? Leichtigkeit? Vertrauen?“ – aber ich folge nicht ihren Strategievorschlägen. Vielleicht schaue ich nach alternativen Strategien, wie die Bedürfnisse und Werte dieser anderen Stimmen erfüllt werden können und trotzdem zu meiner Strategie nicht mehr zu rauchen und dem Bedürfnis nach Gesundheit und Achtsamkeit passen (oder sie sogar bereichern). Ich übernehme jedenfalls die volle Verantwortung dafür, dass meine Entscheidung nicht mehr zu rauchen klar bleibt und in mein Leben kommt, sich dort materialisiert und verstetigt.

Irgendwann wird die Strategie nicht zu rauchen, mit der ich die oben genannten Werte in mein Leben hole bzw. priorisiere, sich dann so in mir materialisiert und verfestigt haben, dass der Energieaufwand, um die Strategie aufrechtzuerhalten, immer kleiner wird. Meine inneren Teammitglieder haben sich dann dahingehend ausgerichtet und wir ziehen alle an einem Strang, d.h. sie haben alternative Strategien für ihre Bedürfnisse gefunden, die meine Strategie des nicht Rauchens stützen oder mindestens nicht behindern. Ab und an wird noch eine Einladung in mir oder von außen kommen, ein schöner Bierabend oder ein tiefes Gespräch oder eine emotionale Krise.

Und auch dann bleibe ich in der Klarheit, und sichere meine Entscheidung nicht zu rauchen, um meine Werte von Gesundheit, Achtsamkeit, Frische und Natürlichkeit in die Welt und in mein Leben zu bringen.

Das ist Leadership!

Leadership bedeutet in die Führung zu gehen und die volle Verantwortung zu über-nehmen für eine Vision, bestimmte Werte, ein Projekt, eine Aufgabe.

Leadership impliziert in meinen Augen, dass ich andere Stimmen zwar anhöre und nachvollziehe, und auch in sofern auf sie eingehen kann, dass ich die Werte und Bedürfnisse erkenne, die sie bewegen (und ggf. nach Strategien suche, die zu meiner Vision passen), aber dass ich immer dafür sorge, dass eine bestimmte Vision klar bleibt.

Leadership bedeutet ein commitment dran zu bleiben, auch wenn es holprig und schwierig wird. Wenn Stimmen mich zurückziehen wollen, in meine rauchende Vergangenheit, entscheide ich mich wieder bewusst für die Ausrichtung auf meine Vision: rauchfreie Zukunft. Das ist ein wichtiger Aspekt von Evolution, von Strukturveränderung, die ich durch bewusste Entscheidungen, Klarheit und empathische Abgrenzung von anderen (also Leadership) mit gestalten kann.

Leadership impliziert nicht notwendigerweise, dass wir mehr Führungskräfte brauchen oder Führung an einzele Personen geknüpft werden muss (kann sie aber). Leadership drückt mehr eine Entscheidung aus:

Ich entscheide mich für eine bestimmte Version/ Vision meiner Zukunft und sorge dafür, dass diese sich manifestiert und verfestigt, auch wenn es mal schwierig wird.

Viele von uns spüren, dass die Zukunft andere Werte-Prioritäten von uns verlangt. Viele von uns merken auch, dass sie andere Werte leben wollen. Und immer wieder lassen wir uns bequatschen von den anderen Stimmen im Außen und auch im Innen. Wir werden schüchtern, weil die Mehrheit noch anders zu denken scheint, sind nicht klar, laut und entschlossen genug oder lassen uns von unseren anderen, inneren Stimmen wieder in das Alte zurückziehen.

Wenn wir was Neues in die Welt bringen wollen und dafür sorgen wollen, dass sich Werte z.B. wie Verbindung, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Freude, Glück, Frieden, etc. materialisieren, verfestigen, und fester Bestandteil der Zukunft werden, brauchen wir Leadership – sowohl im Innen wie auch im Außen. D.h. Klarheit, Commitment und ein Einstehen und Gehen für unsere Werte, auch wenn es anderen nicht passt. Den Mut, dass unsere Klarheit bei anderen was auslöst. Wir vielleicht auch mal nicht nett sind und nicht gemocht werden.

Für ein neues Paradigma der Verbundenheit

Die multiplen Krisen, die wir in unseren Gesellschaften sehen, sind meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass hier gerade etwas zu Ende geht. Dass viele Menschen sich orientierungslos, ausgebrannt, süchtig, und sinnentleert fühlen – oder sich mit eine Vielzahl an Coping-Strategien von diesen Gefühlen abzulenken versuchen – zeigt, dass die alten Erzählungen davon, wer wir sind, und was unsere Aufgaben sind, zunehmend weniger an Kraft und Orientierung geben.

Charles Eistenstein nennt das, was derzeit zu Ende geht, das Zeitalter der Separation. Dieses ist eng verknüpft mit dem Patriarchat. Eigenschaften unseres Selbst, die mehr in Richtung Verbindung, Unterstützung, Fürsorge für andere und den Planten sowie Kooperation gehen, wurden in den letzten Jahrhunderten in den Bereich des Privaten gedrängt und abgewertet – und als Attribute häufig weiblich sozialisierten Personen angehängt. Unsere Gesellschaft, Ökonomie, unsere Politik und vielen andere Teilbereiche der Gesellschaft sind dominiert von einer Vorstellung, dass wir voneinander getrennte Einzelindividuen sind, die – sofern das nicht begrenzt wird – in ihrem eigenen Interesse handeln und Ihre ökonomischen, reproduktiven oder politischen Vorteile auszubauen versuchen. Die Effekte von diesem Selbstkonzept (das separierte Selbst) und den auf ihm aufbauenden sozialen und ökonomischen Institutionen können wir täglich in den Medien und auf der Straße sehen: Zerstörung, Tristesse, Krieg und Gewalt, Armut, Konkurrenz und Leere.

Meine Arbeit trägt dazu bei, die Entwicklung eines neuen Paradigmas zu stützen. Ein Paradigma, in dem wir uns (wieder) entdecken als verbundene Elemente eines großen Netzwerkes, abhängig voneinander, eingebettet in unsere Sozial- und Ökosysteme, von denen wir ein integraler Bestandteil sind: sei es durch die Sichtbarmachung der vielen Arbeiten (Care-Arbeiten), die der Fürsorge anderer Personen dienen und die häufig nach ganz anderen Maßstäben ablaufen, als es die gängigen Modelle ökonomischen Handelns suggerieren, sei es durch die Begleitung von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, hin zu einer zwischenmenschlichen Kultur, in der Verbindung vor Trennung steht.

Ich glaube die nächsten Jahrzehnte werden spannend: Es muss sich so viel ändern und es wird sich viel ändern (müssen). In welche Richtung, das hängt maßgeblich davon ab, wie wir uns einbringen, um ein neues Modell des Miteinander zu gestalten, dass nachhaltig, gerecht, solidarisch und schön ist.

Materializing Feminism – Buchvorstellung & Diskussion

Materializing Feminism – Buchvorstellung & Diskussion

Am Samstag, den 12. Januar 2019, stellten Lisa Yashodhara Haller und Anna Stiede ihr neues Buch bei uns im Museum vor. Im Buch argumentieren beide für einen materialistischen Feminismus und eine kritische Auseinandersetzung mit den ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen und ihren aktuellen Entwicklungen.

Weiterlesen…

Wenn die Verhältnisse unantastbar erscheinen – Feminismus zwischen Selbstermächtigung und kollektiver Praxis

Lisa Yashodhara Haller, Friederike Beier, Lea Haneberg

Wir leben in Zeiten, in denen sich das, was man gemeinhin als kapitalistische Verwertungslogik begreift, nahezu vollständig verallgemeinert hat. Nicht nur unsere Arbeitsprozesse rationalisieren wir nach Maßstäben der Effizienz, was seltsam genug ist. Darüber hinaus fällt uns eine Grenzziehung zum Privaten oft schwer. Freundinnen, Familie, Politik und Arbeit bilden das moderne Konglomerat der Selbstverwirklichung und versprechen Glück – sofern wir es schaffen, alle Bereiche ausreichend zu bedienen, also effizient zu koordinieren und zu gestalten. Damit sind wir sehr beschäftigt und schimpfen gleichzeitig über unser Wirtschaftssystem, den Kapitalismus, der uns all das antut. Die Kritik am Kapitalismus scheint zeitgemäß, sie ist alltäglich und allgemein akzeptiert. Wir kritisieren ihn beim Pizzaessen in der Mittagspause, wir lesen zwischendrin darüber in den Social Media, diskutieren abends beim OKCupid-Date oder morgens bei der Vorlesung an der Universität. Wie das Reden übers Wetter ist Kapitalismuskritik ein unverfängliches Gesprächsthema. Und wie das Wetter erscheint die kapitalistische Verwertungslogik als vernünftigstes Organisationsprinzip aller Lebensbereiche ohnehin unantastbar. Je weniger aber die ökonomischen Verhältnisse gestaltbar erscheinen, desto wichtiger wird die Bestätigung der eigenen Handlungsfähigkeit im Angesicht der scheinbar überwältigenden Ohnmacht gegenüber den größeren Zusammenhängen. Die eigene Identität ist hier ein beliebtes Betätigungsfeld, sie ist zentraler Ausdruck unserer Handlungsmacht in einer Welt, in der das große Ganze unantastbar erscheint. In der Sphäre grenzenloser Selbstentfaltung, ‑verwirklichung und ‑optimierung wird sie erprobt.  Hier sind wir vermeintlich frei – niemand scheint uns vorzuschreiben, wie wir unser Selbst formen, so lange es im Rahmen der kapitalistischen Verwertbarkeit bleibt. So können wir ganz frei und individuell belastbar, flexibel, resilient, gesund und schön sein.

Feminismus reiht sich nahtlos in diesen Trend ein. Obwohl es denFeminismus ja gar nicht gibt. Aber Elemente aus den einzelnen Feminismen bieten verheißungsvolle Handlungsmaximen, die uns als Bewältigungsstrategien für „mehr Freiheit“ innerhalb der kapitalistischen Zumutungen dargeboten werden.

Der Gleichheitsfeminismus etwa appelliert an uns als Frauen, gesellschaftliche Zuschreibungen zurückzuweisen. Die gesellschaftliche Benachteiligung als Frau bestehe nur so lange, wie wir uns die zugeschriebene Fürsorgeverantwortung auch aneignen. Der Fakt, dass mehrheitlich Frauen Versorgungsleistungen erbringen, hindert sie daran, ein selbstbestimmtes Leben nach den Normen eines fürsorgebefreiten Mannes zu führen. Fürsorge erscheint vor diesem Hintergrund als gesellschaftliches Problem, dessen Frauen sich entledigen müssen, um ebenso erfolgreich wie Männer zu werden. Also Handlungsmacht durch die Anpassung an eine männliche Norm? Auch das differenzfeministische Ringen um die weibliche Identität als Befreiung von den Zwängen einer androzentristischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung feiert eine Renaissance. Sofern es uns gelingt, so die Verheißung, nicht mehr allen anderen gefallen zu wollen, sondern ganz bei uns selbst anzukommen – und zu bleiben –, werden die äußeren Einflüsse und all die Ungerechtigkeit gleichgültig, denn wir finden inneren Frieden und damit – auf ganz herrlich individuelle Weise – Freiheit. Und nicht zuletzt locken auch konstruktivistische Ansätze des Feminismus, mit einer individuellen Dekonstruktion. Die herrschende Geschlechterordnung, in der Frauen durch die Übernahme von Fürsorge benachteiligt werden, ist der sozialen Konstruktion der Lebenswelt geschuldet, eine Dekonstruktion der unliebsamen Verhältnisse erscheint die naheliegende Lösung. Die Verantwortung an die Subjekte zurückzuspielen, verspricht die Gestaltbarkeit des eigenen Lebens und verbreitet eine offensive Stimmung des Aufbruchs.Vielleicht aber ist gar nicht die Fürsorge das Problem, sondern eine Wirtschaft,in der ausgerechnet die Menschen ein Problem bekommen, die Fürsorge leisten. Der Selbstbezug bringt Klarheit in der eigenen Positionierung und macht handlungsfähig, aber verändert er auch Gesellschaft?

Durch die Bezugnahme auf die eigene Identität grenzen wir uns ab. Damit bleiben die Verhältnisse, die die Abgrenzungsbedürfnisse in uns hervorbringen, ebenso wie die Bedingungen, vor denen wir fliehen, unangetastet. Den Rückzug auf eine Identität gilt es deshalb als restriktive Bewältigungsstrategie zu entlarven. Allerdings kann Identität als Ausgangspunkt des politischen Zusammenschlusses fruchtbar gemacht werden. Beispielsweise, wenn Fürsorge als gemeinsame Handlungserfahrung von Frauen zum Ausgangspunkt einer kollektiven Praxis wird. Veranschaulicht werden kann dies an keinem geringeren Beispiel als dem für den 8. März geplanten Frauen*streik. Als Frauen werden hier diejenigen Personen adressiert, deren Effizienz durch die Übernahme unbezahlter Fürsorge eingeschränkt ist. Gemeint sind also all jene, die durch Fürsorge zwar die Voraussetzungen für die kapitalistischen Austauschbeziehungen schaffen, genau dadurch aber innerhalb der kapitalistischen Konkurrenzbeziehungen benachteiligt sind. Das wiederum liegt an den Struktureigenheiten der Fürsorge: Wie alle personenbezogenen Dienstleistungen impliziert die Fürsorge die Beziehungsförmigkeit, ein Subjekt-Subjekt-Verhältnis. Aufgrund ihrer Zeit- und Körperbindung lässt sie sich nicht ohne Weiteres effizienter gestalten. Für den kapitalistischen Verwertungsprozess störend ist zudem, dass sie regelmäßig in abhängigen Lebenslagen benötigt wird. Diese Abhängigkeit erschwert eine wertförmige Organisierung, so dass der Kapitalismus auf Wertransfers, im Rahmen einer wohlfahrtsstaatlichen Sozialwirtschaft angewisen ist. Unbezahlte Fürsorge appelliert nach wie vor an eine weibliche Sorgeverantwortung. Diese Art von Fürsorge leisten wir also nicht, um mit ihr Geld zu verdienen, sondern weil wir etwas zurückbekommen, das auch unser Wohlbefinden steigert. Wenn wir sie bestreiken, bestreiken wir uns selbst. Wir verweigern uns fürsorglicher Beziehungsverhältnisse, erleben uns an einem Tag im Jahr als fürsorgebefreites Subjekt – so frei wie ein Mann?

Eben darum geht es nicht! Weder im diesjährigen Frauen*streik noch bei ähnlichen Kampagnen. Worum es geht, ist die Fürsorge als gemeinsame Handlungserfahrung zum Ausgangspunkt einer kollektiven Praxis werden zu lassen und der Individualisierung etwas entgegenzusetzen. Anstatt dem männlichen Phantasma von Autonomie hinterherzuhechten, geht es darum, eine Sensibilität dafür zu schaffen, was uns im Kapitalismus als Frauen von Männern unterscheidet: Fürsorgeverantwortung – die wir in deutlich höherem Ausmaß übernehmen als Männer. Freiheit wird hier nicht gedacht als die Befreiung von Beziehung, sondern die Beziehungen, die wir miteinander eingehen, machen uns frei. In letzter Konsequenz sind es doch immer wieder Trennungen und Grenzziehungen, die uns Frauen einen Vereinbarkeits-Spagat abverlangen. Die Trennung zwischen Körper und Geist, zwischen Emotion und Rationalität, zwischen Produktion und Reproduktion, oder eben zwischen Erwerbsarbeit, Familie und Freundinnen. Durch Beziehungen gelingt es, Grenzen zu überwinden oder zumindest aufzuweichen. Die gemeinsame Erfahrung und das in Beziehung treten über diese Erfahrung ermöglichen ein mehr an Freiheit.Und weil Freiheit erst dann entsteht, wenn alle Menschen verbindliche Fürsorgeverantwortung füreinander übernehmen, gibt es keine Alternative zu einer kollektiven Organisierung.

It’s a passion!

Anreize zur Unterhaltsvermeidung

Beitrag von Julia Hoffmann

Dass Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern, wollen viele. Eine Petition für das »Doppelresidenzmodell« erhielt kürzlich über 11 000 Unterschriften. Doch der Gesetzesvorschlag der FDP hat Tücken.

Wenn sich Eltern trennen, ist das für die Kinder meist ein einschneidendes Erlebnis. Welche Form der Betreuung danach am besten für sie ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Umstände der Trennung, das Alter des Kindes und die Wohnsituation der Eltern beeinflussen, wie wohl oder unwohl sich die Kinder mit der neuen Situation fühlen.  Bisher wählten die meisten Getrennten das Modell, bei dem das Kind bei einem Elternteil, meist bei der Mutter, lebt und das andere Elternteil regelmäßig sieht. Heute wird das Doppelresidenz oder auch Wechselmodell, bei dem das Kind abwechselnd bei beiden Eltern wohnt, immer häufiger praktiziert. Seltener gelebt wird das Nestmodell, bei dem es die Eltern sind, die den Haushalt wechseln, während die Kinder an einem Ort bleiben. Können sich die Erziehungsberechtigten nicht einigen, entscheiden die Gerichte über den Umgang. 

Im März dieses Jahres hatte die FDP-Bundestagsfraktion einen Antrag in den Bundestag eingebracht, wonach das Wechselmodell als gesetzlicher Regelfall eingeführt werden soll. Die FDP will, dass Kinder in solch strittigen Fällen grundsätzlich bei beiden Eltern leben müssen. Das ist eine Forderung, die gerade Väterverbände schon seit geraumer Zeit vertreten. Die Regierungsparteien haben sich im Koalitionsvertrag auf die eher lapidare Forderung geeinigt: »Im Umgangs- und Unterhaltsrecht soll künftig stärker berücksichtigt werden, dass zunehmend beide Elternteile intensiv in die Erziehungsverantwortung für ihre Kinder eingebunden bleiben wollen.«

Für die FDP und das Bündnis »Doppelresidenz.org« geht das nicht weit genug. Das Bündnis reichte deshalb Ende November eine Petition mit gut 11 000 Unterschriften beim Deutschen Bundestag ein, in der sie fordern, die geteilte Betreuung von Trennungskindern als »gesetzliches Leitbild im deutschen Familienrecht« festzuhalten. Dieser Verankerung widerspricht etwa die Linkspartei in ihrem ebenfalls im März gestellten Antrag: Sie möchte die gerichtliche Anordnung des Wechselmodells gegen den Willen des Kindes vor allem im Falle von häuslicher Gewalt oder von Kindesmissbrauch gesetzlich ausschließen. Gerade bei Konflikten und mangelnder Kommunikation sei das Wechselmodell »aus Kindesperspektive regelmäßig kritisch zu betrachten«, heißt es im Antrag die Linkspartei. Und auch die Mehrkosten, die durch das Wechselmodell entstünden, müssten bedacht werden. Beispielsweise braucht ein Kind bei dieser Lebensweise zwei Kinderzimmer, eins bei jedem Elternteil. Eine Benachteiligung des ökonomisch schlechter gestellten Elternteils solle laut Antrag der Linkspartei verhindert werden.

Ein weiterer Knackpunkt des Wechselmodells ist die Unterhaltsfrage: Anders als beim Residenzmodell soll beim Wechseln nicht ein Elternteil der Hauptbetreuer und der andere der Unterhaltszahler, sondern die Eltern sollen sich die Kosten teilen. Die Praxis sieht allerdings oft anders aus. Das Wechselmodell könnte Unterhaltspflichtige animieren, sich ihrer Unterhaltspflicht zu entziehen, ohne echte Erziehungsverantwortung zu übernehmen, befürchtet Brigitte Meyer-Wehage vom Deutschen Juristinnebund: ” Das Wechselmodell bietet den Anreiz, sich der Barunterhaltspflicht vor dem Hintergrund der Betreuung des Kindes zu entziehen,” sagte sie. Der geteilte Unterhalt würde auch im Wechselmodell häufig nicht praktiziert. Darüber hinaus berücksichtigt das Rechenmodell nicht die beruflichen Nachteile eines Elternteils, die aufgrund der Kinderbetreuung vor der Trennung entstanden sind. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom Januar 2017 sind beim Wechselmodell beide Eltern zu einer Vollzeitarbeitstätigkeit verpflichtet, da laut Gericht kein Elternteil seiner Unterhaltspflicht allein durch Pflege und Erziehung des Kindes genügen könne. Ungelöst ist dagegen   die Frage, wie das Modell bei Bezug von Sozialleistungen, besonders in der Grundsicherung, funktioniert. 

Die Politikwissenschaftlerin Lisa Yashodhara Haller, Autorin des Buches »Elternschaft im Kapitalismus«, kritisiert ein gesetzlich verordnetes Wechselmodell wegen der damit verbundenen Unterhaltsregelung: »Die Rechte von Müttern werden damit eingeschränkt, in der Hoffnung, dies möge sich positiv auf das Verhalten der Väter auswirken.« Dabei seien es meist nicht Unterhaltsverpflichtungen, die Väter davon abhielten, sich im Alltag um ihre Kinder zu kümmern, sondern die Beschäftigung mit anderen Dingen, zum Beispiel ihrer Karriere. Aus gleichstellungspolitischer Sicht sei es deshalb sinnvoller, Anreize für Väter zu schaffen, ihren Erwerbsumfang zu reduzieren, sagt Haller. 

Und auch rechtlich gibt es Zweifel am Wechselmodell. Die Vorgabe eines bestimmten Betreuungsmodells sei verfassungsrechtlich bedenklich: »Politischen Bestrebungen, das Wechselmodell als gesetzliches Leitbild zu verankern, ist deshalb eine deutliche Absage zu erteilen,« meint die Päsidentin des Deutschen Juristinnebund Maria Wersig.  Im kommenden Februar wird sich der Rechtsausschuss des Bundestages damit befassen. Dabei sollte klar sein: Ein Wechselmodell, das nicht auf Freiwilligkeit beruht, könnte mehr schaden als nützen. Sozial und ökonomisch ist es in jedem Fall mit einem Mehraufwand verbunden, deren Trägerinnen in der Regel die Mütter sind.

It’s a passion!

100 Jahre Stimmrecht auf Hauptversammlungen und ein bisschen weiter

Beitrag von Vivien Weigt

Hauptversammlung Bayer 2017

„Freilich werden Frauen in den Generalversammlungen der Aktiengesellschaften mit ihrer Stimmenzahl in den weitaus meisten Fällen stark in der Minorität sein. In der ihm gebührenden Stärke wird der weibliche Einfluß, der hier wie auf jedem Gebiet des öffentlichen Lebens eine dringende Notwendigkeit ist, erst dann zur Geltung kommen, wenn Frauen auch im Aufsichtsrat und in der Direktion der Gesellschaft vertreten sein werden.“ (Anna Friedländer: „Das Stimmrecht der Aktionärinnen“ in Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Zeitschrift für die politischen Interessen der Frau, 4. Jahrgang, 1.Juli 1910, No. 7, Seite 1, Berlin.)

In der Ausgabe vom ersten Juli 1910 der Zeitschrift für die politischen Interessen der Frau fordert Anna Friedländer auf, vom Aktionärsstimmrecht Gebrauch zu machen. Als Anteilseignerin eines Breslauer Verkehrsunternehmens hat sie selbst dies schon 1910 getan.
In Ihrem Artikel „Das Stimmrecht der Aktionärinnen“ thematisiert Anna Friedländer ungültige Statuten die „Frauen vom persönlichen Erscheinen“ ausschließen und eine Bestimmung, „daß Ehefrauen durch ihre Ehemänner, Minderjährige und andere bevormundete Personen durch ihre Vormünder ohne besondere Vollmacht vertreten werden können.“ Friedländer hätte selbst an der Aktionärsversammlung 1910 in Breslau nicht teilnehmen können, wenn sie nicht angedroht hätte, die Generalversammlung, unter Verweis auf die betreffende Reichsgerichtsentscheidung, anzufechten.

Stimmkartenblock Hauptversammlung

Sie fordert alle Aktionärinnen auf „rechtzeitig zu beantragen, daß alle noch vorhandenen veralteten und ungültigen Bestimmungen [hinsichtlich des Verbots der Teilnahme von Frauen] aus den Satzungen ausgemerzt werden.“ Beeindruckend wie selbstverständlich sie von ihrem Stimmrecht Gebrauch macht, zumal das Wahlrecht für Frauen in Deutschland erst acht Jahre später eingeführt wurde.

Das couragierte Eintreten Anna Friedländers für den Einfluss von Frauen in Unternehmen vor über hundert Jahren überrascht angesichts der vergleichsweisen geringen Zahl an Wortmeldungen von Frauen auf Hauptversammlungen im Jahr 2017. […]

Dies ist ein Auszug aus der Studie Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung – 2017. Mehr Frauen in Führungspositionen. Fazit und Forderungen. Berlin, 2018. Das Projekt des Deutschen Juristinnenbundes (djb) „Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung / European Women Shareholders Demand Gender Equality“ besucht seit 2009 Hauptversammlungen von börsennotierten Unternehmen in Deutschland (und 2015 auch in zehn weiteren Mitgliedstaaten der Europäischen Union) und fordert einen Anteil von Frauen in Führungspositionen, Vorständen und Aufsichtsräten von mindestens 40 Prozent. Mitglieder des djb’s fragten dort die Verantwortlichen u.a., was das jeweilige Unternehmen unternommen hat, um Führungspositionen mit Frauen zu besetzen bzw. ob Frauen in die Auswahl einbezogen wurden. Neben den Aufsichtsräten und Vorständen werden Frauen in Führungspositionen auf allen Managementebenen in den Blick genommen.

Der Beitrag der Breslauer Aktionärin machte schon 1910 deutlich, wie wichtig ein langer Atem, starke Appelle und die Androhung von Schwierigkeiten beim Ausschluss von Frauen sind, um, wie sie formuliert, „den weiblichen Einfluss“ geltend zu machen.

It’s a passion!

Join us

Wo sind sie, die Politologinnen?

Wer wir sind und sein wollen:

Der Zweck unserer Institutsgründung ist die Vernetzung feministischer Politologinnen. Es ist ein Zusammenschluss von Politologinnen.

Wir sind ausgebildete Politikwissenschaftlerinnen und wollen die verschiedenen Arbeitsfelder in Theorie und Praxis unter einem gemeinsamen Dach sichtbar machen und als solche repräsentieren. Wir sehen unsere Institutsgründung als Schritt dahin, mehr Frauen zu ermächtigen, selbstbewusst als Politikwissenschaftlerin aufzutreten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Politikwissenschaft sowohl an als auch außerhalb der Universität noch immer eine sehr männliche Wissenschaft ist. Viele Politikwissenschaftlerinnen diversifizieren ihr Spektrum in Richtung anderer Sozialwissenschaften.

Das Institut versteht sich nicht als rein akademischer Thinktank. Als Politologinnen-Institut setzen wir uns für eine Verschränkung von Theorie und Praxis ein. Uns interessieren daher die Verbindungen von Wissenschaft und außeruniversitärer politikwissenschaftlicher Tätigkeiten, um breite politische Bildung und Weiterbildung zu entwickeln, zu unterstützen und zu verwirklichen.

Wir nutzen unsere Webseite, um unsere verschiedenen Arbeitsfelder und Aktivitäten zusammen sichtbar zu machen und uns zu vernetzen. Wir halten es für erstrebenswert, auf der Grundlage unserer solidarischen Zusammenarbeit eine Form der auch außeruniversitären selbstständigen politikwissenschaftlichen Analyse, Kritik und Beratung zu entwickeln und anzubieten. Wir sind Frauen* und möchten auch Frauen* mit Sorgeverantwortungen und Familien über das Institut auffangen und einbinden.

Durch das Institut führen wir unsere Ressourcen, Fähigkeiten und unser Wissen zusammen und ermöglichen eine effiziente und unterstützende Auftragsverteilung und Kommunikation unter Politikwissenschaftlerinnen.