Materializing Feminism – Buchvorstellung & Diskussion

Materializing Feminism – Buchvorstellung & Diskussion

Am Samstag, den 12. Januar 2019, stellten Lisa Yashodhara Haller und Anna Stiede ihr neues Buch bei uns im Museum vor. Im Buch argumentieren beide für einen materialistischen Feminismus und eine kritische Auseinandersetzung mit den ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen und ihren aktuellen Entwicklungen.

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100 Jahre Stimmrecht auf Hauptversammlungen und ein bisschen weiter

Beitrag von Vivien Weigt

Hauptversammlung Bayer 2017

„Freilich werden Frauen in den Generalversammlungen der Aktiengesellschaften mit ihrer Stimmenzahl in den weitaus meisten Fällen stark in der Minorität sein. In der ihm gebührenden Stärke wird der weibliche Einfluß, der hier wie auf jedem Gebiet des öffentlichen Lebens eine dringende Notwendigkeit ist, erst dann zur Geltung kommen, wenn Frauen auch im Aufsichtsrat und in der Direktion der Gesellschaft vertreten sein werden.“ (Anna Friedländer: „Das Stimmrecht der Aktionärinnen“ in Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Zeitschrift für die politischen Interessen der Frau, 4. Jahrgang, 1.Juli 1910, No. 7, Seite 1, Berlin.)

In der Ausgabe vom ersten Juli 1910 der Zeitschrift für die politischen Interessen der Frau fordert Anna Friedländer auf, vom Aktionärsstimmrecht Gebrauch zu machen. Als Anteilseignerin eines Breslauer Verkehrsunternehmens hat sie selbst dies schon 1910 getan.
In Ihrem Artikel „Das Stimmrecht der Aktionärinnen“ thematisiert Anna Friedländer ungültige Statuten die „Frauen vom persönlichen Erscheinen“ ausschließen und eine Bestimmung, „daß Ehefrauen durch ihre Ehemänner, Minderjährige und andere bevormundete Personen durch ihre Vormünder ohne besondere Vollmacht vertreten werden können.“ Friedländer hätte selbst an der Aktionärsversammlung 1910 in Breslau nicht teilnehmen können, wenn sie nicht angedroht hätte, die Generalversammlung, unter Verweis auf die betreffende Reichsgerichtsentscheidung, anzufechten.

Stimmkartenblock Hauptversammlung

Sie fordert alle Aktionärinnen auf „rechtzeitig zu beantragen, daß alle noch vorhandenen veralteten und ungültigen Bestimmungen [hinsichtlich des Verbots der Teilnahme von Frauen] aus den Satzungen ausgemerzt werden.“ Beeindruckend wie selbstverständlich sie von ihrem Stimmrecht Gebrauch macht, zumal das Wahlrecht für Frauen in Deutschland erst acht Jahre später eingeführt wurde.

Das couragierte Eintreten Anna Friedländers für den Einfluss von Frauen in Unternehmen vor über hundert Jahren überrascht angesichts der vergleichsweisen geringen Zahl an Wortmeldungen von Frauen auf Hauptversammlungen im Jahr 2017. […]

Dies ist ein Auszug aus der Studie Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung – 2017. Mehr Frauen in Führungspositionen. Fazit und Forderungen. Berlin, 2018. Das Projekt des Deutschen Juristinnenbundes (djb) „Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung / European Women Shareholders Demand Gender Equality“ besucht seit 2009 Hauptversammlungen von börsennotierten Unternehmen in Deutschland (und 2015 auch in zehn weiteren Mitgliedstaaten der Europäischen Union) und fordert einen Anteil von Frauen in Führungspositionen, Vorständen und Aufsichtsräten von mindestens 40 Prozent. Mitglieder des djb’s fragten dort die Verantwortlichen u.a., was das jeweilige Unternehmen unternommen hat, um Führungspositionen mit Frauen zu besetzen bzw. ob Frauen in die Auswahl einbezogen wurden. Neben den Aufsichtsräten und Vorständen werden Frauen in Führungspositionen auf allen Managementebenen in den Blick genommen.

Der Beitrag der Breslauer Aktionärin machte schon 1910 deutlich, wie wichtig ein langer Atem, starke Appelle und die Androhung von Schwierigkeiten beim Ausschluss von Frauen sind, um, wie sie formuliert, „den weiblichen Einfluss“ geltend zu machen.

It’s a passion!