Mehr Frauen*stimmen braucht die Welt!

Über den Osten und was ich als Politologin an Fragen in das neue Jahrzehnt mitnehme

Als Politologin, die sich in ihrem Denken und Schaffen allein der einen offenen Welt für alle Menschen verpflichtet sieht, widmete ich mich in diesem Jahr dem spannenden Betätigungsfeld der Aufarbeitung des demokratischen Aufbruchs des Herbst 1989 in der DDR und den darauf folgenden Auf-, Zusammen-, und Umbruchserfahrungen in Ost und West.

30 Jahre nach jenem Herbst `89 ist es soweit, dass sich Menschen mit ostdeutscher Biografie mit weniger Scham, Unsicherheit oder Schuldgefühl selbstbewusster im öffentlichen Raum positionieren. Endlich kommen mit Literatur, Theater und Musik – leider zu wenig in der großen Politik – Ostler*innen mit ihren Geschichten und Sichtweisen zu Wort. Das ist auch dringend nötig, denn noch immer sind es überwiegend Menschen mit westdeutscher Biografie, die heute im Osten wie Westen in den Führungsetagen von Wissenschaft, Kunst, Verwaltung, Unternehmen und Rechtssprechung sitzen. Um zukunftsgewandte Dialoge führen zu können, braucht es Anerkennung und Bereitschaft für Verschiedenheit und politische Praxen, die den alten schwarz-weiß oder „Wessi-Ossi-Klisches“ entkommen. Die öffentliche Debatte kann sich hierbei ein Beispiel an der Diskussionskultur migrantischer Mitbewohner*innen nehmen, für die neben der Gewalt im Osten die Frage nach Ost oder West weniger zentral war, als eine Interessenpolitik in Auseinandersetzung mit den politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnissen des vereinigten Deutschlands in den 90er Jahren und Folgenden.

Als politische Bildnerin und Kommunikationstrainerin arbeite ich ständig an Übersetzungsprozessen, um Menschen zusammen und in Debatte zu bringen. Nur in sozialen Begegnungsräumen können Menschen befähigt werden, Haltung einzunehmen und Teil dieser einen Welt sein. Nämlich, indem sie mit ihren Stimmen Öffentlichkeit gemeinsam gestalten. Was der digitale Raum für die Einen möglich macht, fehlt oftmals an Kommunikationskompetenz im analogen Raum. Meine Vision ist Menschen mit meiner Arbeit zu unterstützen, analoge öffentliche Räume zu schaffen, die Geselligkeit stiften und politische Tatkraft fördern: sich auf einen Marktplatz zu stellen und eine Veränderungsidee zu diskutieren oder diese im Kreistag vorzustellen. Im ostdeutschen Hinterland ist der Aufbau einer zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit der Arbeit vieler engagierter und tatkräftiger Menschen zu verdanken, die ich in meiner Arbeit ständig erlebe. Gleichzeitig sind historisch gewachsene Barrieren, Verunsicherungen und Befürchtungen bis hin zu ganz realen Ängsten vor physischer Gewalt da, welche die politische Beteiligung erschweren oder gar verunmöglichen. Den politischen Institutionen ist es bisher nicht gelungen diese abzubauen, weshalb die Arbeit wiederum der verkümmerten Zivilgesellschaft – oft in unentlohnten privatisierten Reproduktionsverhältnissen – aufgelastet wurde und wird. Im letzten Jahresquartal 2019 wurde zahlreichen Trägern und damit langlaufenden Demokratieförderungsprojekten im ländlichen Raum die Förderungen beendet. Die mühseligste Maulwurfsarbeit der letzten 20 Jahre zum Ausbau einer solidarischen Zivilgesellschaft ist massiv gefährdet. Wer sich politisch und kulturell nicht um die Förderung der Jugend und jungen Menschen kümmert, explizit die Finanzmittel entzieht, setzt die Entfliehungswelle unserer und folgender Generationen weiter fort und schreibt die Verödung mancher Landstriche fort oder überlässt sie rassistischen und faschistischen Kräften.

Meine Vision zur Förderung der freien politischen Meinungsbildung und Betätigung vor Augen, nehme ich als Politologin aus 2019 Folgendes mit:

  • Wie kann es gelingen Menschen und besonders Frauen* und Menschen mit Migrationsgeschichte zu fördern öffentlichen politischen Raum einzunehmen?
  • In Bezug auf Ostdeutschland sind für den bundesdeutschen Kontext und im Besonderen die Politikwissenschaft die spannensten Prozesse seit langem in Aussicht. Die großen Volksparteien sind hinüber. Was sich nun in Brandenburg und Sachsen, vor allem aber in Thüringen abspielt sind wichtige politische Lernräume der Zukunft. Es wird nicht einfach werden, aber vieles ist Offen. Als Politologin gilt es den Blick jedoch nicht auf diese institutionellen Prozesse zu verengen. Für die Ausbildung einer eingreifenden politischen Zivilgesellschaft muss alles daran gesetzt werden, Menschen die politische Weiterbildung jenseits der Ausbildung und der Universitäten zu ermöglichen. Dies gilt es insbesondere im Osten zu fördern, dessen analoger öffentlicher Raum seit 30 Jahren vor allem von diesen politischen Emotionen markiert ist: Hass und Wut, die sich ständig in Gewalt manifestiert/e. Es ist daher eine der dringendsten politischen Aufgaben im Lande in den Institutionen und Apparaturen Stellen für Ostbeauftragte, die überwiegend von Frauen* besetzt werden sollten, zu schaffen. Sie sollten – nicht vollständig – doch überwiegend von Frauen* besetzt werden, da Sie* es sind, die in den letzten 30 Jahren im Osten die letzten lebendigen Reste zusammen- und aufrecht erhalten haben. Sie sind die Expert*innen mit der offenen Welt vor Augen, die endlich zu Rate gezogen werden müssen um lebendige Zivilgesellschaft zu fördern.
  • Politische Weiterbildung sollte sich für die Mittel und das Wissen der Kolleg*innen aus Kunst & Kultur öffnen. Insbesondere im Osten fehlt es oft an Sprache und Sprachfähigkeit. Wie beispielsweise für meine Generation an erzähltem Familienwissen zur Treuhand. Kunst und Kultur sind die einzigen Felder in denen das Leck verlustiger Sprache bearbeitet werden kann und in den letzten 30 Jahren bearbeitet wurde. Demokratieförderung braucht a) intergenerationellen Austausch und Aufarbeitung und b) generationeninterne Maßnahmen der Aufarbeitung. Kunst und Kultur legen Zugänge und eröffnen Begegnungsräume, die zuvor verschlossen waren. Es braucht die Förderung an Wissen diese Begegnungsräume zu gestalten und daher mehr Finanzierung der freien politischen Kunst- und Kulturszene und Zusammenarbeit, weil diese den Werkzeugkasten politischer Weiterbildung mit dem Theater als Methode erweitern.
  • Träger, Initiativen und Vereine im Osten, denen in Zukunft die Mittel für ihre politische Bildungs- und Kulturarbeit durch den AFD-Einfluss entzogen werden, sollten durch Fördermitgliedschaften an das Netzwerk-Polylux unterstützt werden.

30 Jahre nach 1989 diskutierte ich mit der West- und Hauptstadtjournalistin Elsa Koester für die Wochzenzeitung DerFreitag über den Osten.